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Fortsetzung zur Rezension des Romans "Farbige Steine" von Christian von Kamp:

... nach tieferem Sinn im Leben suchenden Charakter. Sein liebevolles Elternhaus besteht aus einer religiösen, aber menschenscheuen Mutter und einem humanistisch-freigeistigen Vater. Durch Eltern und Bekannte lernt der Jugendliche schon früh extreme Positionen kennen, zum Beispiel einen überzeugten Kommunisten und Kirchenfeind und eine fastende Nacheiferin des Heiligen Franziskus. Bei seiner Erstkommunion stört ihn die Oberflächlichkeit seiner Eltern, die sich nur um Essen und angemessene Kleidung sorgen, während er selbst ernsthaft versucht, den tiefen Sinn dieses Sakramentes zu erfassen. Diese beiden intensiven Kindheitserfahrungen ziehen sich durch sein ganzes Leben: Beschäftigung mit Sinnsuche und Ablehnung jeder Art von Oberflächlichkeit.

Den Zugang zur Religion findet er spät und allein, nicht, wie man beispielsweise vermuten könnte, im schulischen Religionsunterricht, der nach 1968 vor allem in „Diskussionen über Homos und Pille“ besteht. Offenbar führen die erstaunlichen Unterrichtsschwerpunkte dieser Zeit auch dazu, daß er als Abiturient noch nie etwas von Goethe gehört hat, sondern eher zufällig auf dessen Werke stößt. Die rein wissenschaftliche Beschäftigung des Gelehrten mit kirchlichen Bauten führt den Suchenden in die Kathedralen, unter denen ihn besonders Nôtre-Dame in Paris, der Altenberger und der Kölner Dom beeindrucken. Über diese (kunst-)historische Betrachtung findet er in einer schwierigen Lebensphase endlich den Zugang, nach dem er so lange gesucht hat.

Auch die Oberflächlichkeit leitet wie ein roter Faden durch den Roman: sein Freund Rüdiger geht ihm in ihren Gesprächen nie genug in die Tiefe, er verachtet diese Eigenschaft an Menschen und Themen zutiefst. Wäre er selbst etwas oberflächlicher gewesen und etwas weniger sensibel, wäre ihm viel erspart geblieben. Denn er stürzt durch die schwere Erkrankung seines Onkels, um den vor allem seine Eltern sich lange intensiv kümmern, in eine tiefe seelische Krise, deren Grund nicht klar erkennbar ist. Die Krankheit des Onkels ist daher sicherlich der Anlaß, aber nicht die Ursache seines Leidens. Zuerst bleibt dieses unerkannt, er steht im Abitur und stellt lediglich fest, daß er immer mehr ißt und dicker wird. Von dem Moment an, an dem er sein Gewicht realisiert, verstrickt er sich in Diäten, Tabletten, Abführmittel, Unmengen an Kaffee und Nikotin. Die Folge dieser körperlichen Tortur sind Herzstiche und extreme Angstzustände, so daß auch seine Eltern endlich etwas bemerken und den Hausarzt konsultieren. Dieser diagnostiziert Magersucht und empfiehlt einen Klinikaufenthalt. Dort schafft es der Patient, dessen Gefühlsleben und immer tiefere Leiden sehr eindringlich dargestellt werden, sowohl seine Umgebung samt Krankenhauspersonal als auch sich selbst zu täuschen. Dabei ist seine Verfassung äußerst labil: schon das Zuspätkommen der Eltern oder eine umgefallene Buttermilchtüte bringen ihn an den Rand eines Nervenzusammenbruchs.

Mit den Therapie-, Musik- und anderen verordneten Sitzungen kommt er nicht zurecht. Die Psychologie erscheint als Farce, Therapeuten als Versager, die keine Kritik vertragen, bis auf wenige Ausnahmen ist auch das andere medizinische Personal nicht kompetent. Nach einigen Wochen kehrt er nach Hause zurück, vorgeblich geheilt. Er fühlt sich angstfrei und kräftiger, nimmt aber weiterhin Schmerztabletten, bleibt Kettenraucher und trinkt literweise Kaffee. Um sein Abitur nachzuholen, meldet er sich wieder in der 13. Klasse an und alle seine Probleme kehren schlagartig zurück. Wieder erhält er Psychopharmaka, der Arzt versucht sich in mühsamen Erklärungsmustern, an die der Patient in seiner Verzweiflung zeitweise glaubt. In dieser Phase schleichen sich nihilistische, ausschließlich auf das Diesseits beschränkte Gedanken bei ihm ein, er droht damit selbst in die von ihm verachtete Oberflächlichkeit zu verfallen: „Wenn schon die Zukunft düster für mich aussah, weshalb sollte ich mich auch noch in der Gegenwart unnötig einengen? Da niemand nach dem Tod der Eltern, auf die ich in meiner Hilflosigkeit angewiesen war, ihre Stelle einnehmen konnte, warum dann im Hinblick auf die Zukunft ängstlich auf die Gesundheit achten? Hier und jetzt wollte ich mir durch Schmerztabletten, Zigaretten und Kaffee wenigstens Augenblicke des Wohlgefühls verschaffen. Für mich gab es keinen Lichtblick....“ Seine Kräfte lassen nach, denn zusätzlich zu seinen vorherigen Problemen kommt zwanghaftes Verhalten: fünf Tage im voraus kümmert er sich um sein Frühstück, mittags wäscht er sich zum Schlafengehen, da er sein Tagesprogramm schaffen will, bevor er wieder zu schwach wird.

Der Leser fühlt alle diese Leiden und Zwänge buchstäblich am eigenen Leib, so intensiv und verinnerlicht wird es in der Ich-Form geschildert, obwohl die Sprache eher nüchtern bleibt: „Ich kann nicht frei atmen, kann nicht, wie sehr ich es mir auch wünsche, selbstvergessen sein, so, wie ich es von früher her kenne. Am liebsten möchte ich das Bett gar nicht erst verlassen, nicht hervorkriechen aus der vertrauten, einhüllenden Wärme, die Zuflucht gewährt vor der bedrohlichen Welt und mich wenigstens für einige Stunden in die Wohltat der Unbewußtheit versinken läßt....Innerlich fühle ich mich wie zerrissen, verwundet, als ob eine Säure meine Seele ätze. Ich bin aufgeregt, doch gleichzeitig wie gelähmt. Mein Körper wird unbeweglicher, meine Regungen werden langsamer, müder, mechanischer, fast roboterhaft.“

Wieder wird er stationär behandelt, und hier, an diesem extremen Schwachpunkt, beginnt er mit der Lektüre von Goethes Werken, die ihn in ihrer Tiefe so faszinieren, daß er in der Lage ist, eben nicht aufzugeben. Er versucht zum dritten Mal den Weg zum Abitur und geht „sogar in Gottesdienste“, um auf ein Zeichen zu warten – noch ist er zu verkopft, der Zugang zur Religion noch nicht gefunden, hier versagt seine sonst so zuverlässige Sensibilität. Aber immerhin sieht es so aus, als könnte er das Abitur bewältigen.

Einen nächsten Wendepunkt erfährt er im Urlaub in St. Malo: nach langem Zwangshungern überkommt ihn eines Nachts ein unglaublicher Heißhunger, der fortan zu einem Dauerzustand wird. Endlich lernt er auch einen Freund kennen, der tiefsinnig und (wieder in einer extremen Form) religiös ist. Dessen Name, Matthias, ist der erste christliche Personenname, der im Roman erscheint, bezeichnend ist vielleicht auch die Nähe des Urlaubsortes zum Mont St. Michel, beides eher unauffällige Hinweise, die sich in den Werken Christian von Kamps aber immer finden und entdeckt werden wollen.

Dieser Freund endlich eröffnet ihm neue, über den reinen Intellekt hinausgehende Perspektiven. Der Protagonist des Romans erkennt, daß der wissenschaftliche und materialistische Ansatz des 19. und 20. Jahrhunderts ohne übergeordnete Strukturen nicht ausreichen kann, um die Dinge wirklich zu verstehen. Je länger er sich mit Gott beschäftigt, desto deutlicher wird in seinen Verhaltensweisen die innere Ruhe. Als ob er dies aber verleugnen wollte, sucht er Geistheiler und andere Scharlatane auf. Bei einer dieser Sitzungen macht er eine weitere wichtige Bekanntschaft, deren Entwicklung man gerne erfahren würde, doch der Roman endet auf abrupte Weise.

Sehr angenehm fällt die gewählte und stilvolle Sprache auf, die erfreulicherweise die „neue“ Rechtschreibung einfach ignoriert und damit zum Lesegenuß beiträgt.

In manchen Punkten gibt es starke Anklänge an die „Parkgespräche“: Wieder spielen Park und Schloß Benrath als Schauplatz eine zentrale Rolle, wieder ist das Hauptthema der Weg zu und die Beschäftigung mit Sinnfragen und Religion, und wieder beginnt der Protagonist des Romans als Ungläubiger und Suchender. Neu ist der Ansatz von einer psychischen und dadurch ausgelösten psychosomatischen Erkrankung her, die farbigen Steine, zu Beginn ungeordnet und versteckt, fügen sich letztlich zu einem noch unscharfen, aber doch erkennbaren Bild. Spekulieren darf man über die wahre Ursache der Erkrankung unter Berücksichtigung der Epoche, in der sich die Jugendzeit des Kranken abspielt….

Alexandra Maria Linder M.A.

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