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Fortsetzung Leseprobe aus: Christian von Kamp: Parkgespräche. Roman

... Beim Aussteigen betrachtete Michael neugierig die anderen Fahrgäste. Wer mochte wohl außer ihm an der Veranstaltung teilnehmen? Er meinte, dies in den Gesichtern ablesen zu können: vielleicht an einer besonderen Art eines friedvollen oder glückseligen oder ähnlichen Ausdrucks. Als er das Wort „glückselig“ dachte, durchzog ihn, wie schon so oft, ein leichter Schauer: wohl ein Vorbote, wenn nicht gar eine erste Woge seiner Glückseligkeit, die er bisher noch nicht empfunden hatte.
Eine junge Frau mit hellblondem Haar war die einzige, die er der „Gemeinschaft“ zuordnete, sozusagen aus tiefer Ahnung oder Intuition heraus. Ihr Lächeln ähnelte dem des Guru, Sri Premananda, dem „durch Liebe Glückseligen“. In der großen Bahnhofshalle verlor er jedoch die Frau im Gedränge aus den Augen. Nun, er hatte ja den Stadtplan dabei. Und die Einladungskarte. Beide zog er aus seiner Jackentasche hervor. Beinahe verliebt betrachtete er das Emblem der „Gemeinschaft“ rechts oben auf der Karte: ein von einer zitronengelben Aura umgebener dunkelblauer Kreis, dem ein goldenes Viereck eingezeichnet war, aus dessen Mittelpunkt ein Auge mit orangefarbener Iris den Betrachter anschaute. Der symbolische, auf tiefste Wahrheiten verweisende Gehalt dieses Zeichens schien Michael derart gewaltig zu sein, daß er ihn gar nicht auszudenken wagte. In der Mitte der Karte stand groß das Wort „Satsanga“ und darunter der Text mit Angaben über Ort und Zeitpunkt des Ereignisses. Zwei Schwestern aus dem Mother-Center in Los Angeles unternahmen eine Reise durch Europa, und die deutsche Sektion der „Gemeinschaft“ veranstaltete Zusammenkünfte in Berlin, Köln und München, um die Sisters feierlich zu ehren. Fortgeschrittenere Mitglieder der „Gemeinschaft“ wollten sich von ihnen in die höchsten Stufen des Raja-Yoga einweihen lassen. Ein Ereignis ersten Ranges! Bei Michael würde es noch dauern, da er erst seit einem Jahr der „Gemeinschaft“ angehörte und gerade im Begriff war, die untersten Stufen der Bewußtwerdung zu erklimmen.
Nachdem er sich nochmals kurz vergewissert hatte, welchen Weg er gehen mußte - selbstverständlich hatte er den Plan schon vorher genau studiert -, stieg er die Stufen zur Dom-Plattform hinauf und ließ den Dom hinter sich liegen, da dieser seine Funktion als örtlicher Orientierungspunkt (falls man angesichts seiner gewaltigen Ausmaße von einem Punkt sprechen kann) erfüllt hatte. Nach 10 Minuten Fußweg langte er beim Hotel an.
Im Garderobenraum geschah es.
Neugierig schaute er sich die wenigen Menschen an, die sich miteinander unterhielten, ihre Garderobe abgaben oder, unter Büchern, Kassetten, Bildern, Räucherstäbchen und Emblem-Anstecknadeln wählend, am Büchertisch standen. Wie oft war das Portrait des Guru hier zu sehen, sein Gesicht, verklärt, oder seine ganze Gestalt in ockerfarbenem Gewand vor dem Hintergrund eines Sonnenuntergangs, oder, eine große Blumengirlande um den Hals, auf einem Sessel sitzend, nein: thronend, der Ehrwürdige, der Heilige, der Erhabene. Michael wurde es ganz leicht ums Herz: Sri Premananda war sein Guru. Sein Guru! Und der der meisten Anwesenden, die zum großen Teil bereits im Saal nebenan saßen, sowie der noch Kommenden. Das verband, über alle menschlichen Schranken hinweg. Man war eine Gemeinschaft. Man war die „Gemeinschaft“.
Da geschah es.
Bevor er den Saal betrat, wollte er seine Jacke abgeben. Die Garderobieren waren offenbar Mitglieder der „Gemeinschaft“, sie trugen das Emblem. Eine von ihnen, ein junges Mädchen von vielleicht 20 Jahren, nahm das Kleidungsstück entgegen. Sie hatte ein auffallendes violettes Abendkleid an, und langes schwarzes Haar fiel auf ihre Schultern. Michael bemerkte es in diesem Augenblick gar nicht. Erst später schaute er sich das Mädchen genauer an. Jetzt sah er nur eines: ihr Gesicht. Es traf ihn ins Innerste.
Ein Lächeln spielte da um ihre Lippen und Augen, so zart und fein, unsagbar fein, wie er es bei den Menschen, denen er bisher begegnet war, noch niemals erlebt hatte. Es war, als lächelte nicht sie selber, aus sich heraus, sondern die Gottheit durch sie hindurch. Vollkommener Frieden sprach aus diesem Lächeln, Stille, gepaart mit Freude, einer abgrundtiefen Freude. Es war die Glückseligkeit selbst, die aus diesem Gesicht leuchtete und zu ihm herüber drang, ihn ergriff und erschauern ließ. Er vibrierte vor Seligkeit, er schwang in tiefsten Tiefen mit. Doch keineswegs verschwommen, sondern ganz klar, ganz eindeutig. Ihm eröffnete sich augenblicklich eine neue Welt, eine Sonne über seinem trüben Erdendasein. Er ahnte, was wirkliches Leben ist, wohin es sich entwickeln kann.
Das Mädchen war eine Heilige, ohne jeden Zweifel. Auch die anderen Anwesenden behandelten sie mit entsprechender Scheu und Achtung und wurden durch ihre Gegenwart beglückt. Übrigens sahen sie einander nur ganz kurz in die Augen, aber ihm war es wie die Ewigkeit!
Nach diesem Ereignis betrat Michael den Festsaal. Seine Augen mußten sich erst einmal an die Dunkelheit gewöhnen, seine Ohren an die Stille. Kein Laut war zu hören, höchstens einmal ein ganz vorsichtiges Räuspern oder ein Rascheln der Kleidung. Die meisten Stühle waren bereits besetzt. Michael nahm in der hintersten Reihe Platz; er ärgerte sich, daß er keinen früheren Zug genommen hatte. Ganz vorne, auf einem nur schwach beleuchteten Podest, das wohl gelegentlich als Bühne dienen mochte - an beiden Seiten war ein schwerer roter Vorhang zu erkennen -, sah er rechts und links eines altarförmigen Aufbaues die beiden Schwestern sitzen, gehüllt in ockerfarbene Seidengewänder, indischen Saris vergleichbar. Michael staunte über das unterschiedliche Aussehen der beiden Damen: Während die ältere gutes Essen nicht zu verachten schien und ihren Sessel voll ausfüllte, dürfte die jüngere ein eher asketisches Leben geführt haben; der leichte Stuhl, auf dem sie saß, hätte ihrer geistlichen Schwester gewiß nicht das erforderliche Fundament geboten.
Es ist immerhin bemerkenswert, daß Michael dieser Unterschied auffiel.
Das Tischchen, das, mit einer weißen Damastdecke überzogen, den Altar darstellte, trug ein von brennenden Kerzen umstelltes Bild des Guru. Aus dem breiten Gesicht schmolz ein unsagbar feines Lächeln in den Raum.
An der rückwärtigen Wand bemerkte Michael das Emblem der „Gemeinschaft“: eine große runde Scheibe mit gelbem Rand, vor dunkelblauem Hintergrund das goldene Viereck und das orangefarbene Auge. Einen Augenblick lang dachte Michael an eine Zielscheibe, drängte dann aber sofort diesen blasphemischen Gedanken in den Hintergrund.
Tiefe Stille im Saal. Sämtliche Stühle waren inzwischen besetzt, einige der Anwesenden mußten stehen. Keiner rührte sich vom Fleck. Man schwieg. Das Flackern der Kerzenflammen und das Heben und Senken der Brustkörbe waren die einzigen erkennbaren Bewegungen.
Seligkeit schwebt in der Luft.
Die jüngere der Schwestern hob ein tragbares Harmonium vom Boden auf und stellte es auf ihren Schoß. Langsam, ganz langsam, schwollen die Töne an. Erst war es, als improvisierte sie, dann wurde eine Melodie hörbar, die sich mehrmals wiederholte, die Melodie wurde abgewandelt und in der variierten Form ebenfalls mehrfach gespielt, sodann eine dritte Variante eingeführt, die dann nochmals und nochmals erklang. Und der ganze Reigen begann von vorne, die Melodiebögen folgten aufeinander, immer wieder, und rundherum drehte sich der Kreis, der kosmische Kreislauf, das Auf und Ab der Zeiten, ewige Wiederkehr. Die Anwesenden hatten inzwischen einen Gesang angestimmt, einen Lobpreis auf den Guru, wenige Worte nur, die in ständiger Wiederholung, melodisch abgewandelt, erklangen, und auch Michael sang mit, als ihm nach kurzer Zeit die Melodie geläufig war, sang, was sein Herz hergab, sang und sehnte, bebte, schwebte hinein, hinauf ins Sein, ins All, allüberall.
Und die Körper vibrierten. Freude stieg auf, unermeßliche Freude. In dir, in mir, in Michael.
Seligkeit schwebt in der Luft.
Dann wurden Harmonium und Stimmen leiser und leiser und verklangen schließlich. Die letzten Töne verhauchten in den Äther. Und wieder war Stille, die Stille reiner Freude.
Tief tauchte man nun in sich hinab, in die eigene Seele, in den Bronn seines Selbst, um den göttlichen Odem zu spüren, seinen lautlosen Gesang zu vernehmen.
Selige Stille.
Mit sanften Worten holte die ältere Schwester die Anwesenden in die Gegenwart räumlicher und zeitlicher Begrenzung zurück, um nun von den Erlebnissen mit ihrem Guru, der ja der Guru fast aller hier Weilenden war, zu berichten.
Verhalten und mild sprach sie, Freude schwang in ihren Worten mit, und Michael erkannte ihre grenzenlose Bewunderung für den Guru, der er sich in diesem Augenblick uneingeschränkt anschloß. Bei vielen der Zuhörer meinte man ein ganz leichtes, aber beständiges Nicken mit dem Kopf wahrnehmen zu können, obwohl sie doch von den Erlebnissen der Schwester zum ersten Mal hörten (wohl hatten sie bereits von ähnlichen Geschehnissen gelesen).
Einmal, so berichtete sie, wollte sie einen häßlichen Strauch aus dem Garten entfernen, obgleich sie wußte, daß der Guru sogar das geringste Lebewesen liebte. Es gelang ihr jedoch nicht, ihn mit bloßen Händen aus dem Boden zu reißen, so sehr sie sich auch mühte. Die meisten Zweige hatte sie immerhin schon abgeknickt. Auf dem Weg zum Geräteschuppen, wo sie eine Schaufel besorgen wollte, begegnete ihr der Guru. Sie versuchte, nach kurzem Gruß rasch weiterzugehen, er aber blickte, ohne daß er den Strauch gesehen hatte, tief in ihre Augen und sagte mild: „Du willst also töten.“ Dann ging er weiter, ins Haus hinein.
Tiefe Reue erfaßte unsere Schwester. Sie eilte zurück zu dem halbtoten Strauch und versuchte zu retten, was zu retten war.
Bereits wenige Monate darauf hatte sich das häßliche Gestrüpp zu einem prächtig grünenden Busch entwickelt, der zudem das Auge mit einer seltenen Blütenpracht erfreute. Ob das nicht ein Werk des Guru war?
Dankbar lächelten alle im Saal. Dank dem Guru, dem Heiler, dem Lebensspender, dem Großen Lehrer, der in aller Herzen auch verkrüppelte Büsche der Liebe zu neuem, blühendem Leben erweckt.
Der krönende Abschluß der Feierlichkeiten: ein Film über Sri Premananda. Michaels Augen (und nicht nur seine) wurden feucht. Ihn in Bewegung sehen, IHN, der ihn so oft auf Abbildungen schon beglückt hatte. Dieses Antlitz, durch das das Göttliche hindurchschimmerte. Die Augen, durch die der Kosmos in seiner dunklen Unergründlichkeit den Betrachter ergriff und umschloß. Die Mundwinkel, die die Seligkeit der Liebe offenbarten.
Vor einem knappen Jahr, nach dem Italien-Urlaub mit einem Klassenkameraden - Michael hatte ihn gebeten, den Urlaub schneller als vorgesehen zu beenden, so daß sie auf Rom verzichteten -, war wie erhofft das Bestätigungsschreiben mit der Mitgliedskarte aus Los Angeles eingetroffen, zusammen mit der Sendung einiger Bücher von Sri Premananda, den Michael endlich - nach langer Wartezeit - seinen Guru nennen durfte. Auf jedem der Bücher war der Guru abgebildet. Da Michaels Eltern noch nicht von ihrer Nordseereise zurückgekehrt waren, schlief er während zweier Wochen nachts im Ehebett, die Bücher auf der Kommode. Wie frei fühlte er sich in diesen Tagen, Herrscher über das ganze Haus, dessen einziger Bewohner er zur Zeit war, denn auch sein jüngerer Bruder urlaubte gerade. Vor dem Zubettgehen schaute er sich die Portraits auf den Büchern an, eines nach dem anderen, wie ein Verliebter vielleicht das Bild seiner Geliebten betrachtet. Michael versenkte sich tief in die Augen des Guru, und ihm schien, daß auch der Guru ihn liebevoll, manchmal sogar gerührt, anblicke. Er wäre kaum verwundert gewesen, wenn der Meister ihn aus der Fotografie heraus angesprochen hätte.
Die Feier war beendet. Beim Verlassen des Hotels sah Michael, wie die Schwestern sich mit dem Mädchen im violetten Kleid unterhielten. Er betrat die Straße. Inzwischen war es dunkel geworden, einige warme Regentropfen fielen. Er summte den Lobpreis des Guru vor sich hin, fast hätte er getanzt vor Freude. Ein milder Hauch liebkoste sein Gesicht. Seligkeit schwebt in der Luft.

Christian von Kamp: Parkgespräche. Roman

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